18. Türchen

Veröffentlicht am 18.12.2020 in Allgemein
 

Abschied am Weihnachtstag.

 

Auch in diesem Jahr war an Heilig Abend der Schnee ausgeblieben.

Verzerrt spiegelte sich das Licht der Straßenlampen auf der nassen Fahrbahn, erhellte den Asphalt für einsame Fußgänger, die nicht kamen, für Autos, die nicht fuhren, für Thomas und Emma, die am Hauseingang standen und eng umschlungen miteinander schmusten.

Sie wollten kein Licht, keine einsamen Fußgänger, keine Autos.

Es war Weihnachten und beide wussten, dass ihre Familien auf sie warteten, um mit ihnen die Geburt Christi zu feiern.

 

Ein großer, vor Lichterkerzen strotzender Christbaum markierte das Ende der Straße und zeigte Thomas den Weg nach Hause. Doch dachten beide nicht daran.

Durch die Dachrinne rann verwirrtes Wasser, das Minuten vorher vom bewölkten Himmel geregnet war. Die riesige Hauswand bedeckte die Liebenden mit ihrem Schatten und ließ es nicht zu, dass die Sorgen der Helligkeit, die letzten Minuten des Zusammenseins der jungen Menschen störte.

 

Emma drückte sich an den warmen Körper ihres Freundes und zog sein Gesicht zu sich heran. Ihre zarten Lippen berührten die Wange und den Mund des Liebsten, und vor Thomas` Augen verschwamm das Bild des kerzenflimmernden Baumes am Straßenende. Zärtlich glitt seine Hand über ihr weiches Haar, und der erwidernde Kuss gab ihr das Gefühl zurück, das sie ihm entgegengebracht hatte.

 

Emma bemerkte nicht, dass sie auf Zehenspitzen stand und ihr Mantel verrutscht war. Kein fremder zweifelnder Gedanke drängte sich in den Vordergrund und ihre Augen suchten die Seinen, um das Glück zu erspähen, das beide verband.

Als er sie los lies, vergrub sie ihren Kopf an seiner Schulter und er berührte mit seinen Lippen ihren Hals.

 

Der Wind wehte das Schlagen der Turmuhr zu ihnen hin und erinnerte das Paar an die begrenzte Zeit ihrer Zweisamkeit. Keiner wollte als erster den anderen verlassen. Emma hielt Thomas fest, und als er Anstalten machte, sie freizugeben, drückte sie sich noch mehr an ihn. Dann flüsterte er ihr etwas ins Ohr, worauf sie den Kopf hob und ihn erschrocken anschaute.

Ein Kuss, ein Händedruck, die Körper trennten sich.

"Frohes Fest!", hörte er sie flüstern. "Frohe Weihnacht!", gab er zurück.

 

Monoton fielen jetzt Tropfen durch die Dachrinne, das Straßenpflaster ließ Schritte laut werden, die Lampen bekamen ihren Fußgänger, und der Schatten der Hauswand wurde wertlos, als Emma durch die Tür im Haus verschwand.

Dann lag die nasse Straße wieder leergefegt im Schein der sich verzerrt auf der Fahrbahn spiegelten Lichter.

Stille legte sich über die Stadt, und durch die geschlossenen Türen und Fenster der Häuser und Wohnungen zogen Träume ein, die der Trennung nicht die Liebe verweigerten.

 

Das Fest der Liebe, es war Weihnachten!

 

Johann Enderle, Dezember 2017

 

Shariff